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Die Angst der Patienten vor Antidepressiva

02 Jun 2022
Wissensvermittler: Depressionshilfe, will über das Krankheitsbild aufklären. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche

Viele Patienten, die unter Depressionen leiden, wollen keine Medikamente nehmen. Dabei könnten diese nach Einschätzung von Psychiater Ulrich Hegerl dazu beitragen, dass die Menschen überhaupt die Kraft finden, sich ihren Problemen zu stellen.

Von außen betrachtet, hat sie ein sorgenfreies Leben. Der Job ist gut bezahlt, ihre Partnerschaft harmonisch, die Kinder sind gesund. Sie hat einen großen Freundeskreis, findet Zeit, ihren Hobbys nachzugehen, reist gerne. Aber seit einigen Wochen fehlt ihr die Kraft, am Leben teilzunehmen. Das Aufstehen fällt ihr schwer. Morgens kommt sie nicht aus dem Bett, abends nicht zur Ruhe. Ihr Hausarzt hat ihr eine Depression attestiert. Ausgerechnet ihr! Sie ahnt, dass er recht haben könnte. Ihrem Umfeld fällt es schwer, die Dia­gnose zu verstehen. Schließlich müsste es ihr doch gut gehen, in ihrem sorgenfreien Leben.

Ulrich Hegerl will mit Fehlannahmen wie diesen aufräumen. Der Psychiater und Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe setzt sich für ein besseres Verständnis der Krankheit Depression ein. Nicht ein spezielles Ereignis, wie etwa eine Trennung oder Überforderung im Beruf, sei in den meisten Fällen der Hauptgrund dafür, dass die Krankheit ausbreche, sondern eine Veranlagung, die vererbt, aber auch durch Traumatisierungen in der Kindheit erworben werden könne. „Umweltfaktoren können eine Rolle spielen, werden aber drastisch überschätzt“, sagt er.

Oft werden seinen Erfahrungen zufolge Stress, Verlusterlebnisse oder andere negative Lebensumstände, die der Erkrankung vorausgehen, vorschnell als Ursache für eine Depression angesehen. Vielen Erkrankten, die diesem Erklärungsansatz folgen, erscheint es laut Hegerl deshalb auch nicht sinnvoll, Antidepressiva zu nehmen. Diese beseitigen schließlich nicht die Probleme. Oft verlieren die Betroffenen nach Ansicht des Psychiaters viel Zeit, bis sie erkennen, dass Depressionen auch mit veränderten Hirnfunktionen einhergehen. Antidepressiva seien ein Mittel, um krankhafte Mechanismen im Gehirn wieder zu normalisieren. „Da Depressionen immer mit Erschöpfung und dem Gefühl der Überforderung auf der Arbeit einhergehen, ist die Versuchung fast unwiderstehlich, die Arbeitsüberforderung fälschlicherweise als Ursache der Depression anzusehen.“ Das könne in manchen Fällen zu falschen Lebensentscheidungen führen, die später bereut würden, etwa dem Antrag auf Frührente.

Laut Hegerl sind Antidepressiva neben der Psychotherapie die wichtigste Behandlungssäule. Viele in der depressiven Phase als erdrückend und unlösbar erscheinende Probleme würden unter der Behandlung wieder Teil des zeitweise zwar auch bitteren, aber bewältigbaren Lebens. Die zentrale Bedeutung der Veranlagung zu erkennen sei wichtig, um die Selbststigmatisierung der Erkrankten zu reduzieren. „Wenn die Menschen verstanden haben, dass sie das Pech haben, die Veranlagung zu dieser saublöden Erkrankung mitbekommen zu haben, dann fallen die Schuldgefühle und die Selbstvorwürfe ab, zu schwach zu sein, die Probleme nicht aufgearbeitet zu haben.“

Hegerl, der seit 2019 eine Professur an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Frankfurter Uniklinikums innehat, will mit Botschaften wie diesen zu Patienten, aber auch zu Angehörigen durchdringen. Auch aus diesem Grund organisiert die Stiftung in Zusammenarbeit mit der Deutschen Depressionsliga einen Patientenkongress zum Thema Depression an diesem Samstag in der Alten Oper. Den Betroffenen und ihren Angehörigen soll er die Gelegenheit geben, sich weiter über die Erkrankung, ihre vielen Gesichter, neueste Forschungserkenntnisse und Behandlungsmöglichkeiten zu informieren. Aber auch, sich zu begegnen und auszutauschen. „So ein Treffen zeigt den Menschen, dass sie keine komische Ausnahme sind“, sagt der Psychiater. Auch den Angehörigen könne es helfen, sich zu vernetzen und mehr über die Krankheit zu erfahren.

Der Patientenkongress umfasst Vorträge, Gesprächsrunden, Lesungen und Kulturangebote, die sich mit unterschiedlichen Aspekten der Erkrankung beschäftigen. Durch den Kongress führen wird Moderator Harald Schmidt, Schirmherr der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. „Die Erkrankung betrifft viele Menschen, und es gibt ganz unterschiedliche Wege aus der Depression. Das ist für mich das stärkste Zeichen, das von dem Patientenkongress Depression ausgeht“, sagt er.

In Deutschland leiden nach Angaben von Hegerl etwa fünf Millionen Menschen an einer behandlungsbedürftigen Depression. Corona habe nicht unbedingt die Patientenzahlen hochschnellen lassen, dafür aber in vielen Fällen die Krankheit verschlimmert. Das habe eine deutschlandweite repräsentative Befragung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ergeben. Mehr als ein Drittel der erkrankten Teilnehmer der Umfrage habe angegeben, eine Verschlimmerung der Symptome während der Pandemie verspürt zu haben. Gründe dafür gibt es laut Hegerl viele. Ausgefallene Treffen von Selbsthilfegruppen, gestrichene Sportangebote, Ängste, das Haus zu verlassen, um die Termine bei Psychiatern und Psychotherapeuten einzuhalten. Rezepte wurden in vielen Fällen nicht mehr eingelöst, Medikamente nicht mehr eingenommen.

Bei der Aufklärung zum Thema Depression sei „noch viel Luft nach oben“, sagt Hegerl. Er hofft, mit dem Kongress am Samstag viele Betroffene zu erreichen. „Die Diagnosehäufigkeit hat zugenommen. Wir haben aber nicht mehr Depressive, sondern wir haben mehr Menschen, die sich Hilfe holen. Weil das Stigma weniger geworden ist, weil die Ärzte es besser erkennen, weil es nicht mehr so oft versteckt wird.“ Um Engpässe bei der Versorgung der Patienten zu reduzieren, müsse es in den nächsten Jahren sowohl darum gehen, mehr Fachärzte auf dem Gebiet zuzulassen, als auch digitale Versorgungsangebote auszubauen.

Der Deutsche Patientenkongress Depression findet am Samstag, 4. Juni, in der Alten Oper statt. Tickets und Informationen gibt es unter www.deutsche-depressionshilfe.de/kongress

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